Reimer
Gronemeyer, Michaela Fink, Marcel Globisch, Felix Schumann
Wohin mit den Sterbenden? Diese Frage rückt zunehmend in den
Mittelpunkt sozialpolitischer Debatten in Deutschland und
Europa. Am Institut für Soziologie der Justus-
Liebig-Universität Gießen wurde von Februar 2003 an ein
zweijähriges Forschungsprojekt zu diesem Thema gestartet, das
die Frage nach dem Umgang mit Sterben und Tod in den Mittelpunkt
stellt. Ziel des Projektes, das von Prof. Dr. Reimer Gronemeyer
geleitet wurde, war es, Stand und Entwicklung des
Hospizwesens in 16 europäischen Ländern zu erforschen. Damit
soll der internationale Diskurs zu diesem Thema weiter gefördert
und Erfahrungen und Konzepte der Hospizarbeit unter ethischen,
institutionellen, professionellen, ökonomischen und kulturellen
Aspekten verglichen werden. Zu den ausgewählten Ländern gehörten
Dänemark, Deutschland, England, Estland, Frankreich, Italien,
Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Österreich,
Polen, die Ukraine und die Niederlande. Die Studie ist im
Dezember 2004 im Hospiz Verlag erschienen (3) und wird
gegenwärtig ins Englische, Russische, Polnische und Französische
übersetzt. Das Projekt wurde von der Robert Bosch Stiftung
finanziert und weiterhin von der BAG Hospiz finanziell und
ideell gefördert.
Festzustellen ist: Europas Bevölkerung altert. Jeder
zehnte Europäer wird 2050 über achtzig Jahre alt sein. In
Deutschland ist heute jeder vierte sechzig Jahre und älter, 2050
wird das jeder dritte Deutsche sein. (4) Die
Gesundheitskosten drohen dementsprechend zu explodieren.
Damit stellt sich auch die Frage nach der Versorgung Sterbender
neu. Die Familie ist in Europa immer weniger fähig und willens,
sterbende Angehörige allein zu versorgen. Das Krankenhaus ist zu
teuer und wird auch von vielen als der falsche Ort für das
Lebensende angesehen. Wie soll in Zukunft die Versorgung
Sterbender aussehen? Die Hospizbewegung ist in Europa
als neuer Weg in der ‚Sterbebegleitung’ entstanden und der
Ausbau der palliativen Versorgung wächst gegenwärtig mit
rasanter Geschwindigkeit. Heute versteht sich die Hospizbewegung
zunehmend als Alternative zur ‚Sterbehilfe’, die mit den
Euthanasiegesetzen in den Niederlanden und Belgien bereits
verwirklicht ist. Die Debatten im Europäischen Rat haben
gezeigt, dass sich Europa auf eine Weichenstellung
zwischen ‚Sterbehilfe’ und ‚Sterbebegleitung’ zu bewegen könnte.
Ergebnisse
- Überall in Europa setzt sich das von der WHO
vorgegebene Modell einer Versorgung am Ende des Lebens
durch, das Schmerzkontrolle, Interdisziplinarität,
Qualitätssicherung, psychologische und spirituelle Begleitung
anstrebt. (5)
- Wenn man auf Qualität und Quantität der stationären und
ambulanten Versorgung schaut, dann gehört Deutschland
im Ländervergleich zu den gut versorgten Regionen. Exzellent
ist die Versorgung in England, die baltischen Länder schneiden
eher schlecht ab. (6)
- Überall in Europa bestehen staatliche und
nichtstaatliche (kirchliche, gemeinnützige, private)
Palliative-Care-Strukturen nebeneinander.
- In vielen europäischen Ländern werden Hospizdienste und
Palliative Care inzwischen öffentlich gefördert und
finanziert.
- Überall in Europa existieren ambulante und stationäre
Dienste nebeneinander. Dabei gilt der Grundsatz, dass
ambulante Dienste den stationären vorgezogen werden. Grund:
Die Menschen wollen zu Hause sterben und ambulante Dienste
sind billiger.
- Polen ist im Vergleich mit seinen osteuropäischen
Nachbarn sehr gut ausgestattet: 63 Prozent aller Hospizbetten
in den untersuchten osteuropäischen Ländern befinden sich in
Polen.
- Insgesamt finden sich in den untersuchten Ländern Europas
11.132 Betten für die Pflege am Ende des Lebens, davon
sind 9.108 in Westeuropa und 2.024 in Osteuropa eingerichtet.7
- Hospizbetten sehen heute in Riga und Straßburg, in Krakau
und Rom in etwa gleich aus. Allerdings ist die finanzielle
und personelle Ausstattung im Osten Europas durchgängig
dürftiger. Westliche Palliative Care-Modelle haben die
Entwicklung in Osteuropa weitgehend geprägt.
- Die Mitarbeit von Freiwilligen ist in vielen
ambulanten und stationären Diensten konstitutiv. In
Deutschland arbeiten ca. 80.000 Freiwillige im Hospizbereich
mit. Viele Hospizdienste sind überhaupt nur aus dem
bürgerschaftlichen Engagement entstanden. In Zukunft wird –
angesichts knapper Kassen – die Mitarbeit von Freiwilligen
eher wichtiger werden. Allerdings sind auch Tendenzen
erkennbar, Freiwillige – im Rahmen einer zunehmenden
Institutionalisierung und Medikalisierung – in der
Hospizarbeit zu marginalisieren.
- Die Professionalisierung der Mitarbeiter in der
Hospizarbeit ist überall in Europa ein vorrangiges Ziel. Dabei
darf die Gefahr einer Standardisierung des Umgangs mit
Menschen am Ende des Lebens nicht übersehen werden.
- Eine adäquate Versorgung von Sterbenskranken scheint nur
dann möglich, wenn die Professionellen in den primären
Gesundheitsstrukturen, die täglich mit Sterbenskranken
arbeiten, zumindest Grundkenntnisse in Palliative Care
besitzen. Hier sind vor allem die Hausärzte und Pflegekräfte
zu nennen. Den Hospiz- und Palliative Care Einrichtungen kann
dabei eine tragende Rolle zukommen.
- Palliative Care in Alten- und Pflegeheimen steht in
den meisten europäischen Ländern erst am Anfang. Die
Niederlande nehmen auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle ein:
Immerhin 13 Prozent der stationären Palliative Care
Einrichtungen befinden sich in Alten- und Pflegeheimen.
- Noch immer sind in Europa 90 - 95 Prozent der
Palliative Care-Patienten an Krebs erkrankt. Patienten mit
anderen Krankheitsbildern kommen nur vergleichsweise selten in
den Genuss von Palliative Care. Dies ist auch für die
Forschung im Bereich Palliative Care zu konstatieren, die
bislang fast ausschließlich auf die Betreuung von
Krebspatienten fokussiert. Dies wirft die Frage auf, ob
Moribunde, die nicht den umfangreichen Gesundheitsprogrammen
zugeordnet werden (zum Beispiel alte Menschen ohne komplexe
Erkrankungen), drohen aus der Hospiz- und Palliativarbeit
herauszufallen?
Probleme und Gefahren
Palliative Care löst allenthalben in Europa regionale
Formen des Umgangs mit Sterben und Tod ab und bringt eine neue
- tendenziell flächendeckende - moderne Versorgung Sterbender
mit sich. Damit ist Palliative Care im Begriff in einem
zusammenwachsenden Europa eine wichtige neue Institution zu
werden, die einerseits Euthanasietendenzen entgegenwirkt, aber
auch die Gefahr einer „Gleichschaltung“ des Lebensendes mit
sich bringt. Angesichts einer alternden Bevölkerung und
angesichts des europaweiten Zerbrechens familialer Strukturen
ist Palliative Care mithin eine neue Notwendigkeit - eine Art
Katastrophenhilfe in Europa.
Zu den künftigen Gefahren dieser Entwicklung könnte zählen,
- dass Palliativstrukturen vor allem als die billige
Versorgungsvariante in Gebrauch genommen werden;
- dass die öffentliche Finanzierung von Palliative Care
auch privatwirtschaftliches Interesse wecken könnte - kann
die ‚Dienstleistung’ Sterbebegleitung zum Geschäft werden?
- dass das gegenwärtige bedeutende Engagement Freiwilliger
durch überzogene Professionalisierungstendenzen
zurückgedrängt wird.
(3) Gronemeyer, R./ Fink, M./
Globisch, M./ Schumann, F.: Helfen am Ende des Lebens.
Hospizarbeit und Palliative Care in Europa. =
Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz e.V. (Hg.): Schriftenreihe
VII, der hospiz verlag - Wuppertal 2004.
(4) Population Division of the Department of
Economic and Social Affairs of the United Nations
Secretariat, World Population Prospects: The 2002 Revision
Population Database:
http://esa.un.org/unpp (mittlere Schätzung).
(5)
http://www.who.int/cancer/palliative/definition/en/
(6) Gronemeyer, R./ Fink, M./ Globisch, M./
Schumann, F.: Helfen am Ende des Lebens. Hospizarbeit und
Palliative Care in Europa. = Bundesarbeitsgemeinschaft
Hospiz e.V. (Hg.): Schriftenreihe VII, der hospiz verlag -
Wuppertal 2004, 42ff.. |