Friedemann
Nauck
Neben Schmerzen sind Übelkeit, Erbrechen, Obstipation und
Dyspnoe häufige und meist sehr belastende und die
Lebensqualität einschränkende Symptome bei Patienten mit
fortgeschrittenen Tumorerkrankungen. Diese Symptome bleiben zwar
nicht unbeachtet, aber die klinische Anwendung von Antiemetika,
Laxanzien sowie die medikamentöse Therapie der Dyspnoe wird bis
heute weitgehend vernachlässigt, d.h. unstrukturiert
durchgeführt und oft unterschätzt. Voraussetzung für eine
suffiziente Behandlung aller Symptome ist die Kenntnis der
Pathophysiologie sowie eine sorgfältige Anamnese, in der neben
den möglichen physischen auch die psychischen Ursachen
ermittelt werden. Die Erstellung eines individuellen
Therapieplans, die offene und ehrliche Kommunikation mit dem
Patienten und seinen Angehörigen sowie die regelmäßige
Untersuchung vor und während der Behandlung sind weitere
wichtige Grundvoraussetzungen. Durch ein differenziertes
Therapieregime lässt sich bei den meisten Patienten auch bei
diesen Symptomen eine zufriedenstellende Symptomkontrolle
erzielen.
Symptomkontrolle Übelkeit und Erbrechen
40-70% der Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung
klagen über Übelkeit und / oder Erbrechen. Allgemein
anerkannte Therapierichtlinien oder "Stufenschemata"
existieren bisher nicht.
Übelkeit und Erbrechen können sowohl über den
Vestibularapparat und den zerebralen Kortex als auch durch
Arzneimittel, Toxine und Metabolite, die über die
Blutzirkulation die Chemorezeptortriggerzone (CTZ) erreichen,
sowie über vagale Afferenzen durch die Reizung von Chemo- und
Mechanorezeptoren von Kopf, Hals, Thorax, Abdomen, Becken
(insbesondere Leber und Darm) mit direkter Stimulation des
Brechzentrums ausgelöst werden.
Spezifische Ursachen für Übelkeit und Erbrechen bei
Tumorpatienten:
- Gastrointestinal (Gastrostase, Obstruktion,
Peritonealkarzinose, Ulcus ventriculi)
- pharyngeale Ursachen (z.B. Candidainfektionen,
Schleimhautulzerationen)
- Arzneimittel (Opioide, NSAID, Antibiotika, Digitalis)
- metabolische Ursachen (z.B. Hypercalcämie,
Urämie)
- toxische Ursachen (z.B. Strahlen-, Chemotherapie,
paraneoplastisch, Infektionen)
- zentrale Ursachen (Hirnmetastasen, Meningeosis
carcinomatosa, Meningitis)
- psychosomatische Ursachen (z.B. Angst, Stress, Schmerz)
Therapieansätze zur Behandlung von Übelkeit und Erbrechen
Die Therapie von Übelkeit und Erbrechen umfasst
nicht-medikamentöse und medikamentöse Maßnahmen. Zunächst
sollte - wenn möglich, die Ursache behandelt werden (z.B.
Obstipation, Infektionen, Husten, Schmerzen, Hypercalcämie,
erhöhter Hirndruck).
Zu den Möglichkeiten nicht medikamentöser Behandlung
gehören die Beseitigung von üblen Gerüchen bei
exulzerierenden Tumoren, das Schaffen einer ruhigen Umgebung
sowie das Anbieten kleiner Mahlzeiten.
Zur pharmakologischen antiemetischen Therapie stehen
Antiemetika unterschiedlicher Wirkgruppen (Antihistaminika,
Neuroleptika, Anticholinergika, prokinetische Substanzen,
5-HT3-Rezeptorantagonisten, Cannabinoide und Glukokortikoide)
zur Verfügung.
Die Auswahl der Antiemetika erfolgt nach der auslösenden
Ursache von Übelkeit und Erbrechen sowie der spezifischen
Rezeptorwirkung. Die Medikation sollte regelmäßig, in
ausreichender Dosierung und antizipativ verabreicht werden.
Bei starkem Erbrechen kann initial eine parenterale Gabe der
Antiemetika sinnvoll sein. Medikament der ersten Wahl (Basisantiemetikum)
bei gastrointestinal bedingter Übelkeit stellt Metoclopramid
dar. Bei Übelkeit und / oder Erbrechen ausgelöst durch
Erregung der Chemorezeptor-Triggerzone (CTZ) wird Haloperidol
und bei Erregung des Brechzentrum ein Antihistaminikum (Cyclizin
oder Dimenhydrinat) verabreicht.
Opioidbedingte Übelkeit und Erbrechen
Zu Beginn einer Opioidtherapie klagen etwa 20 - 30 % aller
Patienten über Übelkeit und Erbrechen. Auslöser ist die
direkte Wirkung der Opioide auf die Chemorezeptortriggerzone (CTZ),
den Gastrointestinaltrakt (Gastrostase) sowie das
Vestibularorgan.
Eine Toleranzentwicklung, und somit ein Nachlassen der
Symptome tritt in der Regel nach 8 - 10 Tagen ein. Aufgrund
der Häufigkeit von opioidbedingter Übelkeit und Erbrechen
sollte bei Beginn einer Therapie mit starken Opioiden immer
eine Prophylaxe mit Antiemetika durchgeführt werden. Hierzu
eignen sich in erster Linie Haloperidol 3 x 0,5 mg / Tag (CTZ),
bzw. Metoclopramid 30 - 60 mg / Tag (Gastrostase / CTZ).
Symptomkontrolle Obstipation
Bei Palliativ- und Hospizpatienten ist das Symptom Obstipation
ein multifaktorielles Geschehen. Die Behandlung mit Opioiden,
die bei vielen Palliativpatienten indiziert ist, stellt einen
wesentlichen Faktor für das Auftreten von Obstipation dar.
Gleichzeitig können organische (u.a. Tumore), metabolische
(z.B. Hypercalcämie) oder neurogene Ursachen und funktionelle
Ursachen (u.a. ballaststoffarme Kost, geringe
Flüssigkeitsaufnahme, Immobilität, Arzneimittel) Obstipation
hervorrufen.
Aufgrund dieser Probleme ist bei Tumorpatienten häufig eine
Indikation für eine medikamentöse, symptomatische Therapie
mit Laxanzien gegeben, da eine Umstellung auf eine
ballaststoffreiche Kost, Erhöhung der Trinkmenge und
Steigerung der körperlichen Aktivität oft nicht mehr
möglich ist. Mit Beginn einer Therapie mit starken Opioiden
muss in jedem Fall eine Obstipationsprophylaxe mit Laxanzien
durchgeführt und über den gesamten Therapieverlauf
beibehalten werden (keine Toleranzentwicklung).
Aufgrund der Pathophysiologie und der Wirkungsweise
unterschiedlicher Laxanzien lässt sich ein Stufenschema der
Laxanzientherapie bei Opioidgabe ableiten:
- Laxoberal® (10-20 Tropfen initial) oder Movicol® (1
- 2 Beutel / Tag) wenn kein Erfolg _
- Laxoberal® und Movicol®_
- Laxoberal®, Movicol® und Obstinol® mild (anstelle von
Laxoberal® z.B. Liquidepur® bzw. Colonorm®) (je 1 - 2
Esslöffel) _
- zusätzlich zu 2. Dulcolax®-Supp.; _
- zusätzlich zu 2 und 3 ein Mikroklysma und/oder einen
Einlauf
- in Extremfällen: Gastrografin® 50 - 100 ml oral
- wenn notwendig frühzeitig manuelle Ausräumung (ggf.
unter Sedierung)
Anmerkung: Das Stufenschema stellt einen Anhaltspunkt dar.
Die Anwendung der Laxanzien richtet sich auch nach Vortherapie
und Auskultations- und Tastbefund. Ggf. sind frühzeitig
rektale Maßnahmen einzuleiten.
Nur durch eine konsequente prophylaktische Behandlung kann
eine Obstipation bei Patienten im fortgeschrittenen Stadium
ihrer Erkrankung, die eine Therapie mit Opioiden erhalten,
verhindert werden.
Symptomkontrolle Dyspnoe
Dyspnoe ist das unangenehme subjektive Symptom der Atemnot,
dessen Ausmaß nur der Patient selbst bestimmen kann. Dyspnoe
ist oftmals von Tachypnoe, Angst, Unruhe und Panik begleitet
Bis zu 70% der Patienten mit terminaler Krebserkrankung leiden
im Verlauf ihrer Erkrankung unter Dyspnoe.
ihrer Erkrankung unter Dyspnoe. Die palliativmedizinischen
Strategien zielen auf eine Abnahme der Tachypnoe und der
Atemarbeit ab. Darüber hinaus auf die Beeinflussung der
Wahrnehmung des Patienten auf die Atemnot.
Das wichtigste Medikament zur Symptomkontrolle von Dyspnoe ist
Morphin. Bei Panikattacken ist die Kombination mit Anxiolytika
wie Diazepam oder Lorazepam indiziert.
Therapie:
- Morphin 5-10mg oral alle 4 Stunden, wenn Patient bisher
keine starken Opioide erhalten hat, sonst 1/6 bis 1/3 der
bisherigen Tagesdosis.
- Lorazepam (Tavor®) 1 - 2,5mg sublingual
Nicht medikamentöse Strategien wie Entspannungsverfahren,
ein offenes Fenster, eine ruhige Umgebung,
Oberkörperhochlagerung, nicht beengende Kleidung und der
Einsatz eines Ventilators können zusätzlich Erleichterung
verschaffen. Die nasale Gabe von Sauerstoff ist selten und nur
bei ausgeprägter Zyanose sinnvoll, da bei Palliativpatienten
meistens das Versagen der Atemmechanik, nicht der
Sauerstoffmangel ursächlich zur Dyspnoe führt.
Betreuung in der Finalphase
Tod und Sterben wurden lange Zeit verdrängt. Ein wesentliches
Ziel der Sterbebegleitung ist es, Patienten in der letzten
Lebensphase mehr Aufmerksamkeit, Zuwendung aber auch konkrete
medizinische Hilfe anzubieten. Durch angemessene medizinische
Behandlung und Pflege kann die Sterbephase auch bei Patienten
mit Tumorerkrankungen ruhig und friedlich verlaufen. Gründe
für eine aktive, kompetente ärztliche und pflegerische
Behandlung sind in der oft dynamisch verlaufenden Finalphase
das Auftreten neuer und / oder bisher gut behandelter
Symptome, die eine Änderung oder Beendigung bisheriger
Behandlungsstrategien notwendig machen. Wir können den
Patienten nur gerecht werden, wenn wir dem ganzheitlichen
Behandlungsansatz im Sinne der Palliativmedizin mehr Beachtung
schenken.
Fazit
Die wirksame und konsequente Behandlung quälender Symptome
ist die wesentliche Voraussetzung für Lebensqualität im
Angesicht einer unheilbaren, chronisch fortschreitenden
Erkrankung. Nicht ausreichend behandelte Schmerzen aber auch
die zahlreichen anderen Symptome verhindern
Krankheitsbearbeitung und -bewältigung. In den Ende September
1998 veröffentlichten Grundsätzen der Bundesärztekammer zur
ärztlichen Sterbebegleitung heißt es: "Der Arzt ist
verpflichtet, Sterbenden so zu helfen, dass sie in Würde zu
sterben vermögen. Die Hilfe besteht neben palliativer
Behandlung in Beistand und Sorge für Basisbetreuung. Bei
Sterbenden kann die Linderung des Leidens so im Vordergrund
stehen, dass eine möglicherweise unvermeidbare
Lebensverkürzung hingenommen werden darf ...”.
Neben einer adäquaten Schmerztherapie und Symptomkontrolle
ist eine mitfühlende, „empathische”, nicht mitleidende
Begleitung notwendig, die nicht nur die Nöte, sondern auch
das Sterben selber anspricht und nicht die Begegnung mit dem
anderen durch Instrumentalismus unmöglich macht.
Bis zum heutigen Tag gibt es aber in Deutschland zu diesem
Thema kaum Aus- und Fortbildungsangebote, weder für Studenten
der Medizin noch für approbierte Ärzte. Ärzte dürfen ihre
Aufgabe nicht ausschließlich in der Heilung sehen, sondern
auch in Leidenslinderung durch kompetente Schmerztherapie,
Symptomkontrolle und psychosoziale Begleitung.
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