Peter
J. Winzen
Das Ziel der Palliativmedizin ist es, die bestmögliche
Lebensqualität bei Patienten mit inkurablen, also unheilbaren
Krankheiten zu erhalten oder zu erreichen. Im Vordergrund steht
dabei, Schmerzen und andere Symptome auf ein erträgliches Maß
zu reduzieren und unnötiges Leid zu verhindern, um die maximale
Selbständigkeit des Patienten zu gewährleisten. Dabei kommt es
wesentlich darauf an, dass zwischen Patient und Arzt bzw.
Betroffenen und Pflegenden das Sterben und der Tod akzeptiert
und angesprochen werden können. Gegenstand der Palliativmedizin
ist also auch die psycho-soziale Betreuung der Erkrankten und
ihrer Angehörigen. So gilt: Kommunikation, Gesprächsführung
und Ethik ist – neben der medikamentösen Behandlung – die
zweite therapeutische Säule der Palliativmedizin.(1)
Die Hospizarbeit leistet Sterbebegleitung und sucht den
Bedürfnissen nach Sicherheit, Respekt und Zuneigung der
Sterbenden nachzukommen. Insbesondere Achtsamkeit und Offenheit
gegenüber der einzelnen begleiteten Person, ihrer Biographie
und ihrem Schicksal eröffnen den Raum, in dem Ängste zu Wort
kommen und Kontakt und Nähe entstehen können. Wie in der
Palliativmedizin macht auch in der Hospizarbeit das Gespräch
einen wesentlichen Teil der Pflege und des Beistands aus.
Angst vor Schmerz und Tod allerdings erschwert das einfühlsame
Gespräch am Krankenoder Sterbebett ebenso wie die unerbittliche
und unbeantwortbare Frage nach dem Sinn des Daseins. Thema der
palliativen Ethik ist es, die jeweiligen Ängste und Konflikte
in angemessener Form anzusprechen, die im Schmerz und an der
Grenze von Leben und Tod begegnen. Ganz besonders kommt es dabei
darauf an, der Eigensprache zu entsprechen, um aus schmerzlicher
Einsamkeit zu befreien. Die Kunst, der Sprache der Erkrankten
und Sterbenden Resonanz zu geben, verhilft dazu, in der Krise
neue Daseinsgewissheit zu erlangen. Findet Eigensprache
Resonanz, kann es auch gelingen, dass (selbstinduzierte)
Schmerzen sich auflösen. So wird Sprache unmittelbar zur
psycho-somatischen Medizin. Gegenstand von Aus- und
Fortbildungen in palliativer Gesprächsführung sind die
Einübung in den eigensprachlichen Dialog und die
Gesprächshaltung in schwierigen Situationen, wie etwa bei
Prognoseeröffnung oder Zustandsverschlechterung. Auch kommen
die Vorstellungen von Sterben und Tod in den verschiedenen
Weltreligionen zu Wort, ebenso die Besonderheiten der Pflege und
Betreuung erkrankter Menschen anderer Kulturkreise. Die
palliative Ethik, also das dialogische Einfühlen in
schmerzliche Ängste, prägen insgesamt die palliative
Gesprächsführung und Supervision.
Palliative Gesprächsführung lebt insgesamt von der Erfahrung,
dass Sprache Schmerzen und Ängste berühren, ja gar auflösen
kann. In der Mitte dieser Erfahrung gewinnt die Zeit eine neue
Qualität: sie ist nicht mehr lediglich Chronologie, sondern
besonderer Moment, der Betroffene wie Beteiligte von der Sorge
um das Sein entlastet. Weitere Informationen zum Thema beim
Autor - E-Mail: winzen@soz.uni-frankfurt.de
(1)
Vgl. Husebo S., Klaschik E., Palliativmedizin – Praktische
Einführung in Schmerztherapie, Ethik und Kommunikation.
Berlin: Springer Verlag, 2. überarbeitete Auflage 2000.
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