Raymond
Voltz
Bereits in der Anfangszeit der modernen Hospiz- und
Palliativbewegung wurde von Dame Cicely Saunders beachtet, dass
auch Patienten mit nicht-onkologischen Erkrankungen
palliativmedizinische Bedürfnisse haben wie Patienten mit
Tumoren. So ist auch die WHODefinition der Palliativmedizin
bedürfnis- und nicht diagnosenbasiert (WHO, 2002).
Damals war Cicely Saunders zwar aus wissenschaftlichen Gründen
am klinischen Problem des tumorbedingten Schmerzes interessiert
und konzentrierte ihre Arbeit daher auf Tumorpatienten. Jedoch
hielt sie von Anfang St. Christopher´s Hospice offen auch für
Patienten mit nicht-onkologischen Erkrankungen, vor allem für
Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS). Die dort
gesammelte Erfahrung, dass Patienten mit ALS am Lebensende –
entgegen weitläufiger bis heute immer wieder wiederholter
Meinung – eben nicht grausam ersticken müssen, sondern meist
im sogenannten CO2-Koma friedlich einschlafen, wurde 1992
publiziert und auch kürzlich bei Patienten in einer „normalen“
Versorgung einer universitären Spezialambulanz bestätigt (O´Brien
et al., 1992; Neudert et al., 2001). Diese Erfahrung nimmt
Befürwortern der aktiven Euthanasiemaßnahmen ein wichtiges
Argument für deren Bemühungen (vgl. Fall Diane Petty oder die
BBCDokumentation “Death on Request”).
Das Symptom „Dyspnoe“ bei Patienten mit ALS ist
paradigmatisch für den Bedarf palliativmedizinischer Versorgung
von Patienten mit neurologischen Erkrankungen, der klinische
Bedarf geht jedoch weit darüber hinaus. So haben Patienten mit
ALS eine Vielzahl von mindestens 20 weiteren direkten oder
indirekten medizinischen Symptomen als Folge der Degeneration
der Motoneurone, auch ist der Bedarf an pflegerischer,
psychosozialer und spiritueller Unterstützung der Patienten und
ihrer Angehörigen enorm, so dass ein palliativmedizinisches
multiprofessionelles Team für die Versorgung essentiell ist
(Übersicht bei Oliver et al., 2000). Darüber hinaus werden in
der Neurologie weitere Patientengruppen versorgt, deren
Überlebensprognose aufgrund einer nicht zu heilenden Erkrankung
begrenzt ist, und deren Bedürfnisse ähnlich komplex sind. Ein
soeben erschienenes internationales Lehrbuch gibt hierzu eine
erste Übersicht (Voltz et al., 2004). Dabei fällt auf, dass
das Ausmaß und die Art der Bedürfnisse noch nicht gut erfasst
und bekannt sind, so dass derzeit nicht klar ist, welche
Versorgungsstrukturen für welche Patientengruppen den
Bedürfnisse am besten begegnen. Patienten mit Glioblastom und
ihre Angehörigen müssen sicher anders versorgt werden als die
meist jugendlichen Patienten mit Muskeldystrophien (Bausewein et
al., 2003; Parker et al., 1999)
Allgemein sind bei Patienten
mit neurologischen Erkrankungen Symptome wie Schmerzen sicher
weniger prävalent, während Störungen der Mobilität und der
kognitiven Fähigkeiten eher im Vordergrund stehen. Bei akuten
neurologischen Erkrankungen wie dem Schlaganfall ist es meist
nicht bekannt, dass etwa ein Drittel aller
Schlaganfallspatienten innerhalb von 2 Jahren versterben, davon
ein Drittel nicht akut, sondern erst nach längerer
Krankheitszeit. In dieser Zeit kann eine palliativmedizinische
Versorgung sinnvoll sein (Borasio et al., 2004). Auch ist
derzeit nicht etabliert, ob Patienten mit chronischen
neurologischen Erkrankungen wie M. Parkinson, Epilepsie oder
Multiple Sklerose nicht auch von palliativmedizinischen
Versorgungsansätzen profitieren können. Erste
Forschungsprojekte zeigen jedoch deutliche Versorgungslücken
bei diesen Patienten.
Wie auch in anderen Ländern bereits geschehen, zeigt sich auch
in Deutschland mit zunehmender Dauer palliativmedizinischer
Versorgung von Tumorpatienten, dass Patienten mit
nicht-onkologischen Erkrankungen durchaus auch von den positiven
Erfahrungen der onkologischen Palliativmedizin profitieren
können (Voltz et al., 1997). Die neueste Auflage des “Oxford Textbook of Palliative Medicine” widmet auch acht Kapitel
nichtonkologischen Erkrankungen, im Gegensatz zu zwei Kapiteln
in der vorhergehenden Auflage (Doyle et al., 2004). In dieser
sich entwickelnden Situation ist für Deutschland jetzt
einerseits eine enge Kooperation mit bestehenden
palliativmedizinischen Einrichtungen zur Verbesserung der
Versorgung neurologischer Patienten sinnvoll; andererseits muss
die palliativmedizinische Versorgungsforschung die Bedürfnisse
der Patienten und Angehörigen beschreiben und Vorschläge zur
Optimierung bestehender Strukturen machen.
Literatur
- Bausewein C, Hau P, Borasio GD, Voltz R. How do patients
with primary brain tumours die? Palliat Med. 2003
Sep;17(6):558-9.
- Borasio GD, Rogers A, Voltz R. Palliative Medicine in
non-malignant neurological disorders. In: Doyle D, Hanks
G, Cherny NI, Calman K (eds.) Oxford Textbook of
Palliative Medicine, 3rd edition 2004; 925-934.
- Doyle D, Hanks G, Cherny NI, Calman K (eds.) Oxford
Textbook of Palliative Medicine, 3rd edition 2004.
- Neudert C, Oliver D, Wasner M, Borasio GD (2001) The
course of the terminal phase in patients with amyotrophic
lateral sclerosis. J Neurol 248: 612--616.
- O´Brien T, Kelly M, Saunders C (1992) Motor neuron
disease: a hospice perspective. Brit Med J 304:
471-473.
- Oliver D, Borasio GD, Walsch D (eds.) Palliative Care in
Amyotrophic Lateral Sclerosis. Oxford University Press,
2000.
- Parker D, Maddocks I, Stern LM. The role of palliative
care in advanced muscular dystrophy and spinal muscular
atrophy. J Paediatr Child Health. 1999
Jun;35(3):245-50.
- Voltz R, Akabayashi A, Reese C, Ohi G, Sass H-M.
Organisation and patients´ perception of palliative care:
A crosscultural comparison. Palliative Medicine
1997;11:351-357.
- Voltz R, Bernat J, Borasio GD, Maddocks I, Oliver D,
Portenoy R, eds. Palliative Care in Neurology, Oxford
University Press, Oxford, 2004.
- World Health Organization (2002) National Cancer Control
Programmes. Policies and Managerial Guidelines (2nd
edition). WHO, Geneva.
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