Wilma
Henkel, Andrea Menke, Sandra BrunJe jünger der Mensch ist,
der lebensbedrohlich erkrankt ist, desto betroffener ist die
Umwelt. Das Sterben eines alten Menschen, der „sein Leben schon
gelebt hat”, ist für viele das natürliche - und darum nicht so
bedrohliche - Ende eines Lebens und wird als Teil des Lebens
weitestgehend hingenommen. Der Tod von Kindern und Jugendlichen
wird demgegenüber immer als sinnlos und tragisch empfunden. Es
ist schwer zu verstehen, dass auch ganz junge Kinder und
Jugendliche schon am Ende ihres Lebens angekommen sein sollen.
Das Sterben oder der drohende Tod eines Menschen aus dem
direkten Umfeld, machen vielen erst (wieder) die eigene
Sterblichkeit bewusst. Die Angst vor der Auseinandersetzung mit
der eigenen Endlichkeit führt zu Vermeidungsreaktionen. Diese
Vermeidungsreaktionen sind auch der Grund dafür, dass Freunde,
Bekannte, und manchmal auch Familienmitglieder, den Kontakt zu
dem Erkrankten nicht aufrechterhalten (können) und sich
zurückziehen. Auch die Unsicherheit der Menschen im direkten
Umfeld und das nicht wissen, wie sie in dieser Situation
reagieren oder was sie sagen sollen, hat häufig eine soziale
Isolation der Betroffenen und ihrer Familien zu Folge. Und
obwohl Kinderkrankenschwestern und -pfleger in ihrem
Berufsalltag immer wieder mit todkranken Kindern konfrontiert
werden, wird in der Kinderkrankenpflegeausbildung der Umgang mit
dem sterbenden Kind und seiner Familie erst seit 1985 in der
Ausbildungs- und Prüfungsordnung entsprechend berücksichtigt.
Auch wenn, entsprechend den gesetzlichen Vorschriften,
Unterricht zur Betreuung Sterbender angeboten wird, fühlen sich
die Kinderkrankenschwestern und -pfleger noch nicht gut genug
auf diesen Aufgabenbereich vorbereitet. Wie die Ärzte, sind auch
die Pflegenden eher kurativ orientiert. Medizin und Pflege haben
als oberstes Ziel, den Kranken zu heilen - die Aufgabe Sterbende
zu begleiten als wichtig zu erachten, setzt das Akzeptieren und
Erkennen der Grenzen der eigenen Profession voraus, sowie die
ernsthafte Auseinandersetzung mit der Unausweichlichkeit des
Todes.
In Deutschland sterben jährlich etwa 1.500 Kinder und
Jugendliche an einer lebenslimitierenden Erkrankung, davon mehr
als 500 an Krebs. Die Bedeutung der Betreuung dieser Kinder ist
mittlerweile, trotz der noch immer anhaltenden Tabuisierung, als
wichtige Aufgabe erkannt worden. Das ist an der steigenden
Anzahl von Förderinitiativen, die sich um eine bessere
Versorgung von krebskranken Kinder kümmern, deutlich erkennbar.
Leider haben Kinder und Jugendliche mit anderen
lebensbedrohlichen Erkrankungen keine derart starke Lobby.
Obwohl noch keine Erhebungen dazu vorliegen, gehen wir aufgrund
der im Berufsalltag gemachten Erfahrungen davon aus, dass die
Bedingungen unter denen diese Kinder ihren letzten
Lebensabschnitt verbringen, weniger gut sind, als bei den an
Krebs erkrankten Kinder und Jugendlichen.
Die Betreuung eines lebensbedrohlich erkrankten Kindes bringt
für die Kernfamilie häufig schwerwiegende Veränderungen mit
sich. Da oft beide Elternteile berufstätig sind und auch in
immer steigender Anzahl Kinder von nur einem Elternteil betreut
werden, steht vielfach die Frage im Raum, wie die
Berufstätigkeit und die erforderliche Betreuung des
Kindes/Jugendlichen in Einklang zu bringen sind. Manchmal sind
Großeltern und andere Familienmitglieder in der Lage einen
Betrag zu leisten, aber auch das ist meist nicht ausreichend.
Angehörige in der Sterbephase zu begleiten war zu allen Zeiten -
und ist auch noch in der Gegenwart - eine große Herausforderung.
Diejenigen, die diese Aufgabe übernehmen, bedürfen der
besonderen Unterstützung und Betreuung, um dem erkrankten
Kind/Jugendlichen die benötigte Fürsorge zukommen lassen zu
können.
Kinder und Jugendliche mit lebenslimitierenden Erkrankungen in
der Palliativphase benötigen - ebenso wie Erwachsene - eine
ganzheitliche pflegerische, medizinische und psychosoziale
Betreuung. Die Betreuung dieser Kinder oder Jugendlichen wird in
Deutschland entweder in einer Kinderklinik, im häuslichen Umfeld
oder in einem Kinderhospiz, bzw. in einer
Kurzzeitpflegeeinrichtung durchgeführt. Die meisten Kinder
wollen in ihrem gewohnten Umfeld versorgt werden und auch ihre
Familien wollen die Kinder zu Hause pflegen. Daher ist für die
Betreuung zu Hause die Unterstützung und Entlastung der Familie
von besonderer Bedeutung. Eine Vielzahl von Eltern übernimmt die
Pflege ihres Kindes selbständig und bedarf lediglich einer
kompetenten Anleitung im sachgemäßen Umgang mit Hilfsmitteln,
Infusionen und Kathetern. Besonders wichtig ist die
psychologische Betreuung der Eltern sowie der Geschwister.
Gerade die Geschwister von lebensbedrohlich erkrankten Kinder
bedürfen der erhöhten Aufmerksamkeit des Umfelds, da das
Augenmerk der Eltern und der gesamten Familie auf das kranke
Kind gerichtet ist. Für Geschwisterkinder ist aber, außer dem
Gefühl unbeachtet und allein gelassen zu werden, auch die Frage
der persönlichen Schuld an der Lebensbedrohung des kranken
Bruders/der kranken Schwester ein großes Problem.
Auseinandersetzungen sind unter Geschwistern normal und
ermöglichen Kindern, ihren Platz in der Welt zu finden. In einer
solchen Situation ist, dem Verständnis der Kinder nach, der
„Wunsch“ nach „gerechter Bestrafung“ in Erfüllung gegangen und
die Geschwisterkinder leiden häufig sehr unter belastenden
Schuldgefühlen.
Einen hohen Stellenwert messen ältere Grundschulkinder und
Jugendliche der Teilnahme an ihrem üblichen sozialen Leben bei.
Besonders der Kontakt mit den Schulfreunden sowie
Freizeitaktivitäten mit Freunden stehen für die erkrankten
Kinder und Jugendlichen, genau wie für gesunde Gleichaltrige, im
Mittelpunkt ihres Erlebens. Im Vergleich zu Polen oder
Großbritannien gibt es in Deutschland außerhalb von
Modellprojekten keine multiprofessionellen Palliativteams zur
ambulanten Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Diese
Aufgabe wird häufig von ambulanten Kinderkrankenpflegeteams oder
- im onkologischen Bereich - von Kinderkrankenschwestern/
-pflegern der Klinik übernommen. Sie betreuen die Kinder oftmals
täglich zu Hause, um die Eltern in der speziellen Pflege
anzuleiten und beratend zur Seite zu stehen. Je nach Bedarf wird
ein Pädiater oder psychosozialer Mitarbeiter informiert, und in
die Betreuung miteinbezogen. In Deutschland gibt es mittlerweile
eine stetig anwachsende Zahl von ambulanten Kinderhospizdiensten
und Kinderhospizen. Kinderhospizdienste betreuen Kinder und
Jugendliche in der Palliativphase überwiegend ehrenamtlich zu
Hause. Sie übernehmen organisatorische Aufgaben wie die
Koordination von Terminen und sorgen für den Kontakt und den
Informationsaustausch der beteiligten Therapeuten und betreuen
die Geschwister. Bei den Kinderhospizen steht die
Entlastungspflege („Urlaub“ für das Kind und die Eltern) im
Vordergrund. Dies bedeutet in der Praxis, dass Kinder und
Jugendliche mit lebenslimitierenden Erkrankungen, allein oder in
Begleitung ihrer Familie zur Kurzzeitpflege für maximal vier
Wochen im Jahr das Hospiz aufsuchen. Auf Wunsch der Familie
besteht die Möglichkeit, die Finalphase im Hospiz zu verbringen.
Seit einiger Zeit werden palliativ zu versorgende Kinder an
einigen Institutionen von Key-Workern betreut. Die Aufgabe
dieser Key-Worker besteht darin, die organisatorische Betreuung
des Kindes zu übernehmen. Alle an der Betreuung des Kindes
beteiligten Ärzte, Kinderkrankenschwestern, Psychologen,
Krankengymnasten, Lehrer und weitere Therapeuten sprechen ihre
Termine mit dem Key-Worker ab. Ebenso vermittelt er den Kontakt
aller Beteiligten zueinander und sorgt für stete
Informationsübermittlung an die zuständige Person. Dadurch wird
die Versorgung des Kindes optimiert und werden die Eltern enorm
entlastet.
Abbildung: Zusammenhänge von betreuenden
Institutionen für Kinder mit lebenslimitierenden Erkrankungen
und ihre Familie

Auch bei der alltäglichen medizinisch-pflegerischen Betreuung
gibt es Probleme, die (fast) ausschließlich im Kindesalter
auftreten:
- Schmerzen können von Kindern in der Regel erst ab dem
Kindergartenalter benannt und die Schmerzstärke bestimmt
werden. Erst im Grundschulalter entwickeln Kinder die
Fähigkeit, Schmerzen nach Lokalisation und Charakter
beschreiben zu können. Bei jüngeren Kindern sind geschulte
Beobachter (das können auch die Eltern sein), nötig, damit
Schmerzen erkannt und dann auch wirksam behandelt werden
können.
- Kinder wehren sich oder verweigern ihre Mitarbeit bei
Untersuchungen, pflegerischen oder therapeutischen Handlungen
oder der Medikamenteneinnahme, wenn sie – aus welchen Gründen
auch immer – diese entsprechende Handlung ablehnen.
Vernünftigen Argumenten gegenüber sind dann gerade jüngere
Kinder bis in das Grundschulalter hinein - und manchmal auch
noch darüber hinaus – nicht zugänglich. Für die Betreuer
bedeutet diese Non-Compliance eine besondere Herausforderung.
In solchen Situationen müssen oftmals neue kreative Wege
beschritten werden, um dem Kind z.B. die nötigen Medikamente
verabreichen zu können.
- Wirksame Schmerzmittel sind häufig nicht für Kinder
zugelassen, oder aber nicht in Dosierungen erhältlich, die für
Kinder notwendig sind.
- Es ist oft sehr schwierig einen intravenösen Zugang zu
legen, da die Venen bei Kindern naturgemäß noch nicht so stark
ausgebildet sind. Auch die Möglichkeit der subkutanen Zufuhr
von Infusionen ist stark eingeschränkt.
- Ganz besonders schwierig wird die palliative Versorgung,
wenn die Eltern des betroffenen Geschwister Kindes die Arbeit
des Teams nicht unterstützen oder sogar eine ablehnende oder
aktiv verhindernde Position einnehmen. Eine solche Einstellung
der Eltern nimmt ein Kind auch dann wahr, wenn der Konflikt
nicht thematisiert wird. Als Folge davon, wird das Kind die
Betreuung unsicherer und ängstlicher über sich ergehen lassen,
oder sie vielleicht auch ganz ablehnen.
- Kinder und Jugendliche mit lebenslimitierenden
Erkrankungen und Erkrankungen der Atemwege sind auch zu Hause
mit Monitoren zur Beobachtung der Atemfrequenz und der
Sauerstoffsättigung ausgestattet. Die Eltern haben - oft seit
Jahren – auf die Einhaltung bestimmter Normwerte achten
müssen. In der Lebensendphase werden diese Normwerte aber oft
unterschritten Die Vielzahl der Alarmsignale machen die
ohnehin schon beängstigende Palliativsituation noch
bedrohlicher. Es ist für die Eltern sehr schwer umzusetzen,
dass der Einsatz dieser Geräte für ihr Kind jetzt nicht mehr
sinnvoll ist und sie abgeschaltet werden können.
- In der Lebensendphase haben viele Menschen wenig Hunger
und Durst. Für Angehörige, aber auch für Pflegende stellt das
häufig ein großes Problem dar. Weil die Versorgung mit Nahrung
zu den elementaren Fürsorgepflichten gehört, empfinden viele
Eltern das Unvermögen, dem Kind genügend Flüssigkeit und
Nahrung verabreichen zu können, als Versagen in einem
existenziellen Bereich.
- Die allgemein bestehende Unsicherheit und Angst im
Gespräch mit Sterbenden, trifft in besonderem Maße auf Eltern
und Betreuer sterbender Kinder zu. Durch diese Unsicherheiten,
wird der wirkliche Austausch an Gedanken, oder aber der
verbale oder nonverbale Ausdruck von Bedürfnissen unmöglich
gemacht, oder zumindest sehr stark behindert.
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