Lukas
Radbruch, Rainer Sabatowski, Friedemann NauckUnter den
körperlichen Beschwerden, die Patienten mit einer
Tumorerkrankung beeinträchtigen und ihre Lebensqualität
verringern, stehen Tumorschmerzen an erster Stelle. Schmerzen
werden von der Mehrzahl der Tumorpatienten angegeben, wobei die
Häufigkeit vom Krankheitsstadium und von der Tumorart abhängt.
Bereits zum Zeitpunkt der Tumordiagnose leiden 43% der Patienten
unter Schmerzen. In fortgeschrittenen Krankheitsstadien geben
über 80% der Patienten Schmerzen an. Anamnese, Untersuchung
und Festlegung der Schmerzdiagnose Für die Planung des
schmerztherapeutischen Vorgehens ist es wichtig, die
Schmerzursache zu erfassen. Die genaue Schmerzdiagnose ist eine
wichtige Voraussetzung für den Erfolg der Therapie. Für das
Erheben der Tumorschmerzdiagnose ist die Ursache, Typ,
Lokalisation und Intensität der Schmerzen erforderlich.
Die Schmerzursache kann oft schon aufgrund einer
ausführlichen Anamnese und der kritischen Durchsicht der bisher
erhobenen Befunde und Arztberichte hinreichend geklärt werden.
Doch kann es auch erforderlich sein, weitere Untersuchungen
(z.B. radiologische Diagnostik) durchzuführen, um weitere
Informationen zur Planung der Therapie zu erhalten. Der
Schmerztyp kann nach der klinischen Phänomenologie eingeteilt
werden. Knochen- und Weichteilschmerzen werden in der
Regel als bohrend, stechend oder spitz geschildert, sie können
von den Patienten genau lokalisiert werden und nehmen bei
Bewegung zu. Viszerale Nozizeptorschmerzen werden
überwiegend als dumpf drückende Schmerzen in Becken, Bauchraum
oder Brust, welche häufig nicht genau lokalisiert werden können
und bewegungsunabhängig sind, angegeben. Neuropathische
Schmerzen werden als brennend, elektrisierend oder
einschießend empfunden. Die Ausbreitung der neuropathischen
Schmerzen folgt dem Versorgungsbereich der betroffenen
Nervenstruktur, oft finden sich neurologische Störungen (z.B.
Hyper-/ Hypopathie, Allodynie) im selben Areal. Bei einem
Viertel der Patienten mit fortgeschrittener Tumorerkrankung
liegen allerdings mehrere Schmerztypen nozizeptiver und
neuropathischer Art gemeinsam vor. Auch Angaben zur
Schmerzlokalisation bzw. der Schmerzausbreitung geben Hinweise
auf die Schmerzursachen und sind somit zur Planung der
Schmerztherapie unerlässlich. Häufig klagen Patienten mit
Tumorschmerzen über mehrere unterschiedliche
Schmerzlokalisationen gleichzeitig. Im Laufe der Erkrankung neu
auftretende Schmerzareale können ein Hinweis auf ein
Fortschreiten der Grunderkrankung (z.B. Metastasen) oder auf ein
Rezidiv sein. Schmerzmessung Die Messung der
Schmerzintensität erfolgt nach den Eigenangaben des Patienten
auf verbalen Rangskalen (VRS) oder numerischen Rangskalen (NRS)
(siehe Abbildung 2). Diese Skalen sind einfach in ihrer
Handhabung und können von den meisten Patienten selbständig
beantwortet werden. Beide Skalen erlauben aber auch die Erhebung
der Schmerzen im Interview durch den Behandler, wenn der Patient
nicht in der Lage ist, die Skala selbst anzukreuzen. Eine
Fremdeinschätzung der Schmerzstärke durch Pflegepersonal oder
Ärzte oder durch die Angehörigen kann in Einzelfällen sinnvoll
sein, wenn eine Selbsteinschätzung durch den Patienten nicht
möglich ist. Während die Angehörigen jedoch dazu neigen, die
Schmerzintensität zu überschätzen, bewerten Ärzte und
Pflegepersonal selbst in spezialisierten Einrichtungen die
Schmerzstärke oft deutlich geringer als der Patient selbst.
Wichtig ist es auch, die Schmerzintensität aber auch den Verlauf
der Begleitsymptome (Nebenwirkung der Therapie, Begleitsymptom
der Grunderkrankung) zu reevaluieren und zu dokumentieren.
Hierzu kann z.B. der Verlaufsbogen der MIDOS-Dokumentation
benutzt werden [Radbruch et al. 2000; vgl.
www.dgpalliativmedizin.de/pdf/ag/ag_forschung MIDOS-Verlauf.pdf].
Therapieempfehlungen
Empfehlungen für die Therapie tumorbedingter Schmerzen wurden
1986 von einem Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) zusammengefasst (siehe Abbildung 1) [WHO 1996].
Grundlage der Tumorschmerztherapie ist die DNA-Regel:
Die Therapie sollte:
• durch den Mund (orale Gabe, d.h. so einfach wie möglich)
• nach der Uhr (festes Zeitschema)
• auf dem analgetischen Stufenplan der WHO
• und individuell angepasst (Dosisanpassung und Dosistitration) erfolgen.
Ein weiterer wichtiger Grundsatz der WHO-Richtlinien stellt die
sorgfältige Erfassung einer Schmerzdiagnose und die regelmäßige
Überprüfung des Therapieerfolges dar. Die orale Therapie ist
einfach durchführbar. Sie lässt dem Patienten ein hohes Maß an
Unabhängigkeit. Auch Patienten mit Schluckstörungen oder
gastrointestinalen Symptomen, die eine orale Aufnahme
erschweren, können durch eine Reihe neuerer Applikationsformen
z.B. mit einer retardierten oralen Lösung (Morphingranulat)
einfach und effektiv behandelt werden. Die transdermalen
Therapiesysteme mit Fentanyl oder Buprenorphin ermöglichen eine
parenterale, aber nicht invasive Applikation. Subkutane,
intravenöse und rückenmarknahe Therapieverfahren werden deshalb
in den letzten Jahren zunehmend seltener bei Tumorpatienten
eingesetzt. Eine Indikation für die subkutane Applikation von
Opioiden besteht bei Patienten in der Terminalphase ihrer
Erkrankung, bei denen in den letzten Lebenstagen eine orale
Zufuhr nicht mehr möglich ist und die Dosis immer wieder einem
wechselnden Bedarf angepasst werden muss. Die intravenöse
Applikation beschränkt sich vor allem auf die Patienten, die
über ein Port- oder Kathetersystem bereits eine parenterale
Ernährung erhalten, und bei denen dieser Zugang auch für die
kontinuierliche Analgetikagabe genutzt werden kann. Der
epidurale und intrathekale Applikationsweg ist dann indiziert,
wenn unter der systemischen Analgesie auch nach einem
Opioidwechsel keine ausreichende Schmerzlinderung erreicht
werden kann und weitere Dosissteigerungen zu intolerablen
Nebenwirkungen führen. Die Schmerztherapie muss bei
Tumorschmerzen fast immer nach einem Therapieplan mit festen
Einnahmezeiten für die Schmerzmittel erfolgen. Nur wenige
Patienten, bei denen vereinzelte Schmerzattacken mit längeren
schmerzfreien Intervallen wechseln, kommen ausschließlich mit
einer analgetischen Bedarfsmedikation aus. Patienten mit
Dauerschmerzen benötigen eine Dauertherapie! Die
Applikationsintervalle der Analgetika müssen der Kinetik der
Medikamente angepasst werden. Die Wirkdauer von retardiertem
Morphin beträgt 8 - 12 Stunden, die Substanz muss also zwei- bis
dreimal täglich verordnet werden. Bei einigen Patienten hält die
Schmerzlinderung nicht über das empfohlene Applikationsintervall
an und vor der nächsten Gabe treten Durchbruchsschmerzen auf.
Dies ist jedoch oft ein Zeichen für eine nicht ausreichende
Dosierung, d.h. die Gesamtdosis muss entsprechend erhöht werden.
Je mehr sich die Schmerztherapie auf die retardierten
Applikationsformen stützt, desto wichtiger wird die Verordnung
einer zusätzlichen Bedarfsmedikation. Durchbruchsschmerzen und
Schmerzattacken werden auch bei ausreichender Linderung der
Dauerschmerzen von mehr als der Hälfte der Patienten angegeben.
Die Einzeldosis einer Bedarfsmedikation von Morphin
(Morphinsulfat Tabletten, Morphin-HCl Tropfen, Morphin-HCl- u.
Morphinsulfat-Injektionslösung) oder Hydromorphon (Hydromorphontabletten,
Hydromorphon Injektionslösung) richtet sich nach der
Gesamttagesdosis des eingesetzten retardierten Analgetikums und
entspricht in der Regel 1/6-1/10 der Tagesdosis. Die wiederholte
Einnahme über den Tag ist möglich. Alternativ kann Fentanyl in
Form eines oralen-transmukosalen therapeutischen Systems (Fentanyl
o-TTS) eingesetzt werden. Steigt im Verlauf der Therapie der
Bedarf an Analgetika deutlich an, so muss eine Überprüfung der
Schmerzdiagnose bzw. der bisherigen Schmerztherapie erfolgen.
Die Auswahl der Analgetika richtet sich nach der Ursache und
Stärke der Schmerzen! Nach dem analgetischen Stufenplan werden
bei leichten Tumorschmerzen Medikamente der WHO-Stufe 1, d.h.
nichtsteroidale Antiphlogistika, Metamizol oder Paracetamol
eingesetzt. Wegen der geringen analgetischen Aktivität wird
Paracetamol allerdings nur als Ausweichpräparat empfohlen. Bei
Patienten mit mäßigen bis starken Schmerzen werden Opioide der
Stufe 2 (z.B. Dihydrocodein, Tilidin/Naloxon, Tramadol)
eingesetzt. Bei starken bis stärksten Tumorschmerzen wird von
der WHO der Einsatz von Opioiden der Stufe 3 empfohlen. Hier
stehen als retardierte Substanzen bzw. Substanzen mit langer
Wirkdauer Buprenorphin, Fentanyl, Hydromorphon, Levomethadon,
Morphin und Oxycodon in Deutschland zur Verfügung. Im Verlauf
der Tumorerkrankung ist bei den meisten Patienten eine
Steigerung der Opioiddosis notwendig. In aller Regel steht dies
im Zusammenhang mit dem Fortschreiten der Grunderkrankung und
der Zunahme der Schmerzen. Andererseits können infolge von
tumorreduzierenden oder schmerzreduzierenden Therapien wie z.B.
einer palliativen Chemotherapie oder einer Bestrahlung, aber
auch mit zunehmender Schwäche und reduziertem Allgemeinzustand
oder nachlassenden Organfunktionen in fortgeschrittenen
Krankheitsstadien der Analgetikabedarf wieder absinken. Wird die
Dosis in diesen Fällen nicht ausreichend reduziert, wird der
Patient unnötig durch die Zunahme der Nebenwirkungen der
Opioidtherapie belastet. Deshalb ist die regelmäßige Überprüfung
und Anpassung der Opioiddosis notwendig. Einsatz
opioidhaltiger Analgetika Voraussetzung für einen
optimalen Einsatz mit Opioiden ist die Auswahl der richtigen
Substanz, des richtigen Applikationsweges, einer individuellen
Dosistitration sowie der Prophylaxe und Behandlung von
Nebenwirkungen. Für eine gute Compliance ist es erforderlich,
dass die Patienten über die Wirkung und Nebenwirkungen von
Opioiden aufgeklärt werden, um Vorurteilen und Ängsten besonders
vor Abhängigkeit entgegen zu wirken. Bei der Behandlung mit
Opioiden müssen die opioidtypischen Nebenwirkungen
berücksichtigt und nach Möglichkeit auch (prophylaktisch)
behandelt werden. Besonders hervorzuheben ist die Obstipation,
die von allen Opioiden hervorgerufen wird und eine (in aller
Regel) dauerhafte, begleitende Laxanzientherapie erforderlich
macht. Opioide umfassen alle Medikamente mit morphinähnlicher
Wirkung. Aufgrund des sehr guten schmerzlindernden Effektes und
der fehlenden Organtoxizität sind Opioide in der
Tumorschmerztherapie die wichtigste Medikamentengruppe bei
starken und stärksten Schmerzen. Alle starken opioidhaltigen
Analgetika unterliegen der BtMVV. Inzwischen gibt es eine
Reihe unterschiedlicher, starker Opioide in retardierter
und zum Teil nicht-retardierter Form. Bisher kann jedoch keine
Studie aussagen, welches Opioid in welcher Situation bei welchem
Patienten bevorzugt eingesetzt werden sollte. Die
unterschiedlichen starken Opioide sind in ihren Wirkungen
und Nebenwirkungen inter- und intraindividuell
sehr variabel. Daher kann es sinnvoll sein, bei nicht
ausreichender Wirkung oder anhaltenden Nebenwirkungen das Opioid
zu wechseln, um so eine bessere analgetische Wirkung oder
Verträglichkeit zu erzielen. Anhand der konkreten klinischen
Situation, der eigenen Erfahrung und der bestehenden
Möglichkeiten muss entschieden werden, welches Opioid in welcher
Darreichungsform sinnvollerweise eingesetzt werden soll. Nicht
sinnvoll und sogar teilweise mit einem Wirkverlust einhergehend
ist die Kombination unterschiedlicher Opioide, beispielsweise
die gleichzeitige Gabe von Agonisten und partiellen Agonisten.
Auch die Kombination von mittelstarken Opioiden mit starken
Opioiden oder eine Kombination von retardierten starken Opioiden
mit transdermal applizierten Opioiden sollte auf Grund der
unterschiedlichen Substanzgruppen und nicht identischen
Wirkdauer vermieden werden. Hauptindikationen für einen
Opioidwechsel sind eine nicht ausreichende Analgesie bzw.
eine Zunahme der Schmerzen trotz Dosissteigerung des bisherigen
Opioids oder ein Weiterbestehen der Nebenwirkungen trotz
Prophylaxe. Morphin ist das am häufigsten verabreichte und
bevorzugt einzusetzende starke Opioid und gilt nach wie vor als
„Goldstandard“! [Hanks et al 2001] Morphin (z.B. MST
Mundipharma® Retardtabletten)
Morphin ist das am häufigsten angewendete und am besten
untersuchte starke Opioid und gilt bis heute als
Referenzsubstanz. Alle anderen starken Opioide werden an dessen
Wirkung, Nebenwirkungen und Kosten gemessen. Morphin hat den
großen Vorteil, dass es in fast allen Darreichungsformen
vorliegt: So gibt es schnell wirksame Tabletten, Tropfen und
Suppositorien mit einer Wirkdauer von vier Stunden, retardiert
wirksame Tabletten, Kapseln und Granulat mit einer Wirkdauer von
8-24 Stunden sowie Ampullen zur subkutanen, intravenösen und
rückenmarksnahen Verabreichung. Merkmale von Morphin sind:
• Reiner Agonist, Wirkung fast ausschließlich am μ-Opioidrezeptor
• Nach oraler Gabe schwankt die Bioverfügbarkeit zwischen 20 und 35
Prozent
• Hauptmetaboliten: Morphin-3-Glucuronid (M-3-G), keine analgetische
Wirkung; Morphin-6-Glucuronid (M-6-G), stärker analgetisch
wirksam als Morphin
• Kumulation von M-3-G und M-6-G bei Niereninsuffizienz, als klinisches
Zeichen können Myoklonien auftreten
• Lebererkrankungen haben keinen wesentlichen Einfluss auf den
Metabolismus von Morphin Hinweis:
Retardtabletten dürfen auf keinen Fall zerteilt, zerdrückt,
zerkaut oder „gemörsert“ werden. Retardtabletten müssen als
Ganzes geschluckt werden, da sonst die Retardwirkung verloren
geht und das frei werdende Morphin fast wie ein kurz wirksames
Präparat wirkt. Fentanyl (z.B. Durogesic® SMAT
Membranpflaster, Actiq® Lutschtablette)
Als Injektionslösung wird Fentanyl seit Jahren in der Anästhesie
und Intensivmedizin eingesetzt. Wegen seiner hohen
Lipidlöslichkeit kann Fentanyl nicht nur intravenös und
subkutan, sondern auch transdermal und transmucosal aufgenommen
werden. Die transdermale Applikationsform bietet eine lange
Wirkdauer. Daher sind Fentanylpflaster eine gute Alternative zur
oralen Schmerzmittelgabe, besonders wenn eine orale Gabe auf
Grund von Schluckstörungen nicht sinnvoll oder nicht möglich
ist. Merkmale von Fentanyl sind:
• Fentanyl ist ein μ- Rezeptoragonist
• Die analgetische Potenz ist bei parenteraler Anwendung etwa achtzig bis
hundert Mal höher als die von Morphin
• Geringer ausgeprägte Obstipation als Morphin, dennoch muss eine
ausreichende Obstipationsprophylaxe durchgeführt werden
• Äquivalenzdosis: Die analgetische Potenz von Fentanyl ist im Vergleich
zu Morphin 100-mal höher (25 μg/h entsprechen etwa 60 mg
Morphin) Hinweise:
Bei der transdermalen Anwendung ist auf eine sachgerechte
Verwendung zu achten (u.a. nicht auf verletzte, bestrahlte oder
behaarte Haut aufkleben, Vermeidung von Überwärmung). Das
Wirkungsmaximum tritt mit Verzögerung auf (12-24 Stunden); ein
überlappender Pflasterwechsel ist nicht sinnvoll; bei einigen
Patienten ist ein Pflasterwechsel bereits nach 48 Stunden
erforderlich; langsamen Abklingzeit (ca. 16 Stunden); bei
Atemdepression reicht die einmalige Antagonisierung mit Naloxon
(Narcanti®) nicht aus. Schmerzattacken erfordern eine
zusätzliche Behandlung mit schnell wirkenden Opioiden (z.B.
nicht retardiertes Morphin (Sevredol®) oder transmukosal
resorbierbarer Fentanyl Lutschtablette (Actiq®)
Hydromorphon (z.B. Palladon®)
Hydromorphon ist sowohl bei akuten als auch bei chronischen
Schmerzen wirksam. Zur oralen Applikation steht eine
Retardkapsel (Palladon® retard), Wirkdauer von 8-12 Stunden
sowie eine schnell freisetzende nicht retardierte Hydromorphon
Kapsel (Palladon®), Wirkdauer 4 Stunden zur Behandlung von
Durchbruchschmerzen, zur Verfügung. Als Injektionslösung ist (Dilaudid®)
zur subkutanen und intravenösen Applikation verfügbar.
Merkmale von Hydromorphon sind:
• Reiner μ-Rezeptoragonist
• Pharmakologisch dem Morphin sehr ähnlich, jedoch niedrigere
Plasmaeiweißbindung von ca. 10 Prozent
• Orale Bioverfügbarkeit liegt bei 30-40 Prozent
• Keine stark wirksamen Metaboliten (Hydromorphon-3-Glucuronid), keine
Kumulationsgefahr bei Niereninsuffizienz
• Opioidtypische Nebenwirkungen
• Äquivalenzdosis: Die analgetische Potenz von Hydromorphon ist im
Vergleich zu Morphin 7,5-mal höher (8 mg Hydromorphon
entsprechen etwa 60 mg Morphin) Oxycodon (OXYGESIC®)
Oxycodon ist ein gut wirksames starkes Opioidanalgetikum mit
retardierter Wirkung zur Therapie starker chronischer Schmerzen.
Merkmale von Oxycodon sind:
• μ-Rezeptoragonist, sowie k-Rezeptoragonist, dem Morphin ähnlich
• Hohe orale Bioverfügbarkeit (60-87 Prozent), deshalb deutlich rascherer
Wirkeintritt (ca. eine Stunde) als bei anderen retardierten
Opioiden
• Die orale Äquivalenzdosis von Oxycodon zu Morphin beträgt 1:2, d.h. 30
mg Oxycodon entsprechen etwa 60 mg Morphin bei oraler Gabe
• Das Nebenwirkungsspektrum ist dem von Morphin sehr ähnlich. Bei
Patienten mit Nieren- und/oder Leberinsuffizienz kann ein bis zu
50 % höhere Plasmaspiegel auftreten; in solchen Fällen ist eine
Dosisreduktion erforderlich Buprenorphin (Temgesic®,Transtec®)
Buprenorphin unterscheidet sich von den anderen starken Opioiden
dadurch, dass es kein reiner Opioidagonist ist. Die Substanz
steht sowohl als Tablette (Temgesic®) in den Wirkstärken (0,2 mg
und 0,4 mg) zur sublingualen Applikation als auch als
transdermale Applikationsform (Transtec®) in drei Wirkstärken
(35 μ/h, 52,5μ/h und 70 μ/h) zur Verfügung. Wegen dieser beiden
Applikationsformen ist die Substanz bei Schluckstörungen oder
gastrointestinalen Nebenwirkungen als Alternative zu anderen
Opioiden anzusehen.
Merkmale von Buprenorphin sind:
• Partieller μ-Rezeptoragonist und k-Rezeptorantagonist, hohe
Rezeptoraffinität (bei Wechsel auf Morphin lange
Rezeptorwirkung), gute Resorption sublingual
• Wirkdauer der Tabletten ca. 6-8 Stunden, der transdermalen
Applikationsform 72 Stunden
• Ceiling-Effekt bei einer Tagesdosis zwischen 3 und 5 mg
• Alternative zu Morphin bei niedrigem und mittlerem Opioidbedarf
• Weniger stark ausgeprägte Obstipation und Miktionsbeschwerden als unter
Morphin
• Äquivalenzdosis von Buprenorphin zu Morphin: Tagesdosis von
Buprenorphin mit 60 multiplizieren (d.h. 0,2 mg Buprenorphin
entsprechen etwa 10 mg Morphin)
• Bei Niereninsuffizienz bleiben die pharmakokinetischen Charakteristika
unverändert Hinweis:
Da Buprenorphin ein partieller Agonist ist, kann ab einer
bestimmten Dosierung ein Ceiling-Effekt auftreten,
d.h., dass danach mit einer weiteren Dosiserhöhung kein
stärkerer analgetischer Effekt mehr zu erzielen ist. Die
gleichzeitige Verabreichung eines reinen Opioidagonisten
(Morphin, Oxycodon, Fentanyl, Levomethadon) ist auf Grund der
möglichen Interaktionen und einem Wirkverlust nicht sinnvoll.
Auf Grund der hohen Rezeptoraffinität lässt sich Buprenorphin
nicht durch Naloxon (Narcanti®) antagonisieren.
Levomethadon (L-Polamidon®)
Wegen seiner schwierigen Titration ist Levomethadon in der
Tumorschmerztherapie kein Opioid der ersten Wahl. Jedoch ist es
von der WHO als Alternative zum Morphin empfohlen worden, wenn
auf Grund anhaltender Nebenwirkungen ein Opioidwechsel indiziert
ist. Levomethadon wurde bisher überwiegend zur Substitution bei
der Behandlung Drogenabhängiger angewendet und nur selten bei
der Behandlung von Patienten mit Tumorschmerzen. Merkmale von
Levomethadon sind:
• Ein lipophiles Opioid, reiner Agonist (μ- Rezeptoragonist und
möglicherweise ein k-Rezeptoragonist) sowie außerdem ein
NMDA-Rezeptorantagonist. Durch die Blockierung am
NMDA-Rezeptorkanal und die gleichzeitige Hemmung der
präsynaptischen Wiederaufnahme von Serotonin wird der
analgetische Effekt verstärkt. Levomethadon scheint somit
Morphin- und Ketaminwirkung zu haben. Die analgetische
Äquivalenzdosierung im Vergleich zu Morphin variiert stark und
scheint abhängig von der Schmerzdiagnose des Patienten zu sein
• Hohe orale Bioverfügbarkeit, klinische Wirkdauer sechs bis zwölf Stunden
bei raschem Wirkeintritt; somit reicht für die Langzeittherapie
und für die Bedarfsmedikation eine Darreichungsform (Tropfen)
aus
• Kumulationsgefahr in der Einstellphase auf Grund der langen variablen
Plasmahalbwertszeit von 8-80 Stunden. Die Patienten müssen in
der Einstellphase engmaschig auf Zeichen der Überdosierung (Sedierung,
Verwirrtheit etc.) überwacht werden
• Levomethadon sollte bei der Dosisfindung zunächst in
vierstündlichen Abständen (2,5-5 mg) gegeben werden; nach drei
Tagen muss das Intervall auf acht Stunden verlängert werden
Hinweis:
In den meisten Ländern steht Methadon anstelle von Levomethadon
zur Therapie zur Verfügung. Methadon ist das Razemat von
Levomethadon und enthält zu gleichen Teilen das analgetisch
wirksame Linksisomer (Levomethadon) und das an Opioidrezeptoren
unwirksame Rechtsisomer. Dadurch lässt sich erklären, dass
Levomethadon analgetisch doppelt so stark wirksam ist wie
Methadon. Levomethadon stellt eine gute Alternative in der
Behandlung stärkster Tumorschmerzen dar, wenn eine Behandlung
mit Morphin nicht ausreichend ist. Vor allem bei der Behandlung
neuropathischer Schmerzen scheint Levomethadon den anderen
starken Opioiden überlegen zu sein. Dennoch sollte wegen seiner
schwierigen Titrierbarkeit zunächst mit einem der anderen,
leichter zu titrierenden, starken Opioide begonnen werden.
Vorgehen bei Opioidwechsel:
Äquivalenzdosis beachten (siehe Abbildung 3). Aus
Sicherheitsgründen wird die ermittelte Dosierung des „Wechselopioids“
um 50% reduziert und dann erneut gegen den Schmerz titriert.
(Ausnahme Levomethadon!)
Die Äquivalenzdosierungen können nur Anhaltszahlen
darstellen. Hinweis: Levomethadon stellt in der
Tumorschmerztherapie ein „Wechselopioid“ dar. Die Applikation
und Titration verläuft initial als 4 stündliche Applikation.
Wichtig: Unabhängig von der vorangegangen Opioiddosierung
initial niedrige Dosierung (L-Polamidon® 2,5 - 5mg /4 Std.),
sowie ergänzende Bedarfsmedikation. Damit erfolgt dann eine
Dosistitration. 72 Stunden nach Beginn Verabreichung alle 8
Stunden, später ggf. alle 12 Stunden.
Eine gute Compliance des Patienten und Überwachung
(stationäre Einstellung) sind erforderlich. Plasmahalbwertszeit
beträgt 10 - 75 Stunden! Koanalgetika
Neben den oben aufgeführten Analgetika kommen in der
Tumorschmerztherapie häufig sogenannte Koanalgetika zum Einsatz.
Dieses sind im eigentlichen Sinne keine Analgetika, sie können
jedoch bei speziellen Schmerzsyndromen (z.B. neuropathische
Schmerzen) zu einer Schmerzreduktion führen. Zu diesen
Substanzen gehören u.a. Antikonvulsiva (Carbamazepin, Gabapentin,
Oxcarbazepin, Pregabalin), Antidepressiva (Amitryptilin,
Imipramin), Corticosteroide (Dexamethason), Bisphosphonate oder
Benzodiazepine. Nur selten sind Koanalgetika alleine ausreichend
wirksam, in der Regel werden sie in Kombination mit
Nichtopioiden und Opioiden eingesetzt.
Mit den Empfehlungen der WHO kann eine zufriedenstellende
Schmerzreduktion bei 80 bis 90% der Tumorpatienten erreicht
werden. Therapieplanung mit Patientenbeispiel
OSSÄRE NOZIZEPTORSCHMERZEN MIT ZUSÄTZLICHER NEUROPATHISCHER
KOMPONENTE
| Patient 47 Jahre |
Diagnosen:
- Kleinzelliges Bronchialkarzinom
- Osteolytische Metastasen im Bereich des linken Schulterblattes, der unteren BWS, LWS, des Beckens und der Rippen (links)
- Deutlich reduzierter Allgemeinzustand
- Dyspnoe, zunehmende Schmerzen
Schmerzbeschreibung:
Seit 4 Monaten zunehmende, ständig vorhandene, bewegungsabhängige, tiefe, dumpfe Dauerschmerzen im Bereich des linken Schulterblattes, des linken unteren Thorax, der BWS und LWS mit heller, einschießender Ausstrahlung in das rechte Bein
Bisherige Schmerztherapie:
Flupirtin, Tramadol, Pethidin |
|
Eingeleitete medikamentöse Schmerztherapie:
| Freiname |
Wirkung |
Tag 1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
| Morphin, nicht retardiert |
Kurzwirksames Analgetikum |
6 x 5 mg |
6 x 5 mg |
6 x 10 mg |
- |
- |
| Morphin, retardiert |
Langwirksames Analgetikum |
- |
- |
-- |
2 x 30 mg |
Þ |
| Naproxen |
Analgetikum |
- |
2 x 500 mg |
Þ |
Þ |
Þ |
| Dexamethason |
Koanalgetikum |
4 mg |
Þ |
Þ |
v |
Þ |
| Haloperidol |
Antiemetikum |
15 Tr |
Þ |
Þ |
Þ |
Þ |
| Natrium-picosulfat |
Laxans |
15 Tr |
Þ |
Þ |
Þ |
Þ |
| Schmerzstärke NRS |
Ruhe / Belastung |
7 / 9 |
4 / 6 |
3 / 5 |
3 / 2 |
1 / 3 |
Kommentar
- Rasche Schmerzreduktion durch Dosistitration mit der
schnell wirksamen Morphin- Tablette und adäquate
Begleitmedikation.
- Bronchialkarzinome oder Lungenmetastasen gehen häufig mit
Dyspnoe einher; in der Regel kann diese Dyspnoe mit Morphin in
niedriger Dosierung gut kontrolliert werden. So klagte auch
dieser Patient nach eingeleiteter oraler Morphingabe nicht
mehr über Atemnot.
- Indikation zur palliativen Strahlentherapie sollte
überprüft werden.
- Intervalltherapie mit Bisphosphonaten (z.B. Ibrandonat 2mg
alle 4 Wochen als Kurzinfusion) bei osteolytischen Metastasen.
- Weiterbestehende Indikation der antiemetischen Therapie
nach ca. 8 Tagen überprüfen und ggf. Medikament absetzen.
- Ggf. Einsatz von Antikonvulsiva (z.B. Gabapentin) zur
Behandlung des einschießenden neuropathischen Schmerzes.
- Cave! Erhöhtes gastro-intestinales Risiko bei „Kombination
eines NSAR mit Fortecortin“, Magenschutz mit z.B.
Protonenpumpenhemmer erwägen
Literatur
- WHO (1996) Cancer pain relief, with a guide to opioid
availability World Health Organization, Geneva
- Hanks GW, deConno F, Cherny N, Hanna M, Kalso E. McQuay
HJ, Mercadante S, Meynadier J, Poulain P, Ripamonti C,
Radbruch L, Roca i Casas J, Säwe J, Twycross R, Ventafridda
V. Morphine and alternative opioids in cancer pain: the EAPC
recommendations. Britisch Journal of Cancer (2001) 84(5)
587-593
- Radbruch L, Loick G, Sabatowski R, Elsner F. MIDOS –
Elektronische Datenbank für Palliativstationen. Schmerz 14
(2000): 257-63
Abbildung 1: WHO-Stufenschema zur
Tumorschmerztherapie

Abbildung 2: Skalen zur Messung der
Schmerzintensität
Verbale Rangskala (VRS) oben, numerische Rangskala (NRS) unten.


Abbildung 3:
| Freiname |
Handelsname |
Dosis initial |
Zeitintervall [h] |
Analgetische Äquivalenz |
| Morphin |
MST Mundipharma ® |
10-30 mg |
8-12 |
1 |
| Buprenorphin |
Temgesic ® |
0,2-0,6 mg |
6-8 |
60-70 |
| Fentanyl |
Durogesic ® SMAT Membranpflaster |
25 µg/h transdermal |
72 (Pflaster- wechsel |
70-100 |
| Hydromorphon |
Palladon ® |
2 mg |
8-12 |
5-7,5 |
| Oxycodon |
OXYGESIC ® |
10 mg |
8-12 |
2 |
| Levomethadon |
L-Polamidon ® Hoechst |
2,5 mg |
6-8 |
Dosistitration erforderlich! |
Hinweis: Äquianalgetische Dosierungen wurden nur selten
in Studien mit Tumorpatienten untersucht. Verzicht auf
Pethidin (Dolantin®) wegen toxischer Pethidinmetaboliten (Norpethidin)
bei Langzeitanwendung. |