Bernd
SonntagDas Gespräch mit Patienten, die eine Aufnahme auf eine
Palliativstation oder in ein Hospiz in Erwägung ziehen, stellt
Ärzte und beteiligte Fachkräfte vor hohe Anforderungen der
Kommunikationsfähigkeit. Auch Angehörige haben es schwer, ein
Klima, eine Haltung und eine Beziehung zum Patienten, die von
Offenheit bestimmt ist (Empfehlung des Ministerkomitees des
Europarates zur Strukturierung der palliativmedizinischen und –
pflegerischen Versorgung), einzunehmen. Respekt vor dem Grad
der Offenheit, in dem Patienten über ihre Situation informiert
werden möchten, ist keine leichte kommunikative Aufgabe.
Emotionale und kognitive Barrieren, die im fortgeschrittenen
Stadium einer progressiven Erkrankung auftreten, müssen beachtet
werden. Sind Kinder oder Demenzkranke betroffen, gelten andere
Regeln als bei aufgeklärten, den eigenen Krankheitsprozess aktiv
begleitenden Patienten. Das Gespräch über die
Behandlungsmöglichkeit in einem Hospiz oder auf einer
Palliativstation muss kontinuierlich und prozesshaft geführt
werden. Individuelle Kriterien zum Zeitpunkt der Aufnahme müssen
früh genug im Krankheitsverlauf benannt werden. Dazu bedarf es
eines kontinuierlichen Dialogs, der auch das
Immer-wieder-in-Frage-Stellen der getroffenen Entscheidungen
beinhaltet. In jedem Gespräch wird es nötig sein, die
körperlichen Voraussetzungen und die „Tagesform“ des Patienten
bei der Gesprächsdauer, der Gestaltung und des Inhaltes des
Gespräches zu berücksichtigen. Die Fachkraft, die ein Gespräch
führt, wird sich vorher Gedanken machen, ob Angehörige
unmittelbar einbezogen werden müssen oder ob ein erstes Gespräch
mit dem Erkrankten allein stattfinden soll. Nach einer kurzen
Einführung und der Verdeutlichung der Gesprächsziele sollte mit
einer offenen Frage der Patient seine aktuelle Geschichte
erzählen können. Hier ist es wichtig, aktiv zuzuhören, den
Patienten sprechen zu lassen und ihn zum Sprechen zu ermuntern,
zu tolerieren und zu signalisieren, dass man verstanden hat und
eine kurze Zusammenfassung über das Verstandene zu geben. Das
Mitteilen der Informationen über Diagnose, Behandlungsplan, die
Aussichten der Erkrankung und der verbleibenden Lebenszeit
sollte, wenn es der Patient wünscht, ein selbstverständlicher
Teil des Gespräches sein. Es kann notwendig sein, diese
Informationen in kleinen Einheiten und mehrmaligen Gesprächen zu
geben, gelegentlich werden sie vergessen und müssen wiederholt
und verstärkt werden. Das Ansprechen der aufkommenden Gefühle,
auch wenn sie nicht direkt geäußert werden, ist ein wichtiger
Teil jedes Gespräches, entlastet es den Patienten doch von der
Vorstellung, dass Angehörige oder mit ihm befasste Fachkräfte
durch zu viele Emotionen übermäßig belastet werden. Das
Heraushalten von Emotionen in Gesprächen ist für den Patienten
und die Fachkraft anstrengender als nahe liegende oder
körpersprachlich schon geäußerte Emotionen anzusprechen und
aktiv darauf einzugehen.
Das Vereinbaren eines terminierten Folgetermins ist für
Fachkraft und Patient entlastend. Es entängstigt den Patienten,
dass nicht alles in einem Gespräch geklärt werden muss und gibt
die Möglichkeit des Nachdenkens und des Besprechens mit
Angehörigen in der Pause zwischen den Gesprächen. Ein fester
Termin und eine erneute Ankündigung, was besprochen werden kann,
helfen, das nächste Gespräch zu strukturieren. Ärzte in
Hospizen, Palliativeinrichtungen und in der niedergelassener
Praxis und Fachkräfte müssen sich meist spät in ihrer Ausbildung
entsprechende kommunikative Fähigkeiten aneignen, um angemessen
in schwierigen Gesprächssituationen reagieren zu können. |